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LNG hat in diesem Jahr einen rasanten Nachfrage- und Aufmerksamkeitsschub erfahren und stieg angesichts des Krieges in der Ukraine zum Hoffnungsträger einer diversifizierten, von russischem Gas unabhängigen Gasversorgung auf. Beim Blick auf die aktuelle Entwicklung zeigt sich, dass sich die USA voraussichtlich zur wichtigsten Bezugsquelle für verflüssigtes Erdgas (LNG) in Deutschland und Europa entwickeln wird.
Ein Beitrag von Michael Vehreschild.
Zu diesem Schluss kommt die Studie „Entwicklungen der globalen Gasmärkte bis 2030“, die vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln (EWI) im Auftrag von Zukunft Gas erarbeitet wurde und mögliche Veränderungen auf Angebots- und Nachfrageseite von Pipeline-Gas und LNG (Liquefied Natural Gas) bis zum Ende des Jahrzehnts untersucht.
Die Studie des EWI untersucht in verschiedenen Szenarien den künftigen Gashandel zwischen der Europäischen Union (EU) und Russland und deren Auswirkungen auf die globalen Handelsbeziehungen. Klares Ergebnis: Der europäische Bedarf nach LNG steigt deutlich. Für den Fall, dass der Gashandel aus Russland dauerhaft zum Erliegen käme, würden die drei verbleibenden Pipelinekorridore von Norwegen, Aserbaidschan und Algerien in die EU stark ausgelastet werden. Über bestehende Liefermengen hinausgehend kann zusätzliches Gas von dort nur in begrenztem Umfang bezogen werden. Norwegen kann seine Produktion nach aktuellen Schätzungen noch bis zum Jahr 2028 steigern, danach wird die Produktion zurückgehen. Importe aus den nordafrikanischen Exportländern werden voraussichtlich abnehmen, weil im Zuge des zu erwarteten Wirtschaftswachstums die heimische Nachfrage dort steigen wird.

Lücke mit LNG-Importe füllen
Die Untersuchung des EWI kommt daher zu dem Schluss, dass die Lücke der russischen Gaslieferungen mithilfe von LNG-Importen gefüllt werden muss. Dabei könnten LNG-Lieferungen aus den USA die größte Rolle auf dem europäischen Markt übernehmen. In allen untersuchten Szenarien steigen die Importe der USA gegenüber dem Jahr 2021 deutlich an. Sollte zwischen Russland und der EU kein Gas gehandelt werden, erreichen sie einen Anteil an den Gesamtimporten der EU von circa 40 Prozent. Damit würde sich die EU neben Asien zu einem der wichtigsten Absatzmärkte für Erdgas aus den USA entwickeln. Dagegen ist das Wachstum der aus Katar kommenden Mengen beschränkt. Auch zusätzliche Importe aus Australien oder Kanada werden vermutlich für den europäischen Markt nicht signifikant sein, da diese Exporteure in erster Linie den asiatischen Markt bedienen werden. Die zusätzlichen Mengen können jedoch helfen, Knappheiten auf den Weltmärkten zu verhindern. Dazu könnte auch eine geringere Nachfrage beitragen. Laut Studie wäre das beispielsweise durch Elektrifizierung, Effizienzgewinne und die Produktion von Biomethan als Erdgas-Substitut erreichbar.
Diversifizierung auch bei LNG im Blick halten
Die starke Fokussierung auf die USA birgt neue Herausforderungen: „Mit Blick in die unmittelbare Zukunft ist Deutschland gefragt, die angestrebte Diversifizierung der Bezugsquellen nicht aus den Augen zu verlieren“, fordert Dr. Timm Kehler, Vorstand von Zukunft Gas. „Nur so kann die europäische Gasversorgung tragfähig und sicher werden. Für die Neuausrichtung ist eine langfristige Strategie erforderlich, die eine diversifizierte LNG-Beschaffung stärkt.“ Hinzu komme, so Kehler weiter, dass auch die USA langfristige Signale erwarten. „Nur wenn unsere US-amerikanischen Handelspartner ein klares Bild über die künftigen Abnahmeperspektiven haben, werden sie die nötigen Investitionen zum Ausbau der Verflüssigungskapazitäten leisten.

Werden entsprechende Kapazitäten am US-Markt nicht rechtzeitig und in ausreichendem Maße geschaffen, drohen zum einen Risiken im Hinblick auf die Versorgungsbilanz und zum anderen steigende Preise.“
Aussicht auf Entspannung bei Preisen
Mit Blick auf die aktuelle Preissituation rechnet Kehler bereits ab 2024 mit einer Entspannung: „Der zügige Ausbau der LNG-Terminals in Europa wird Importengpässe beseitigen und die europäischen und asiatischen Preise angleichen.“ Ein Preisniveau wie 2018 erwarten die Studienautoren des EWI allerdings frühestens 2026 und auch nur bei einem zumindest teilweise bestehenden Handel mit Russland: Ohne Gashandel mit Russland könnten die Großhandelspreise in Nordwesteuropa auch im Jahr 2026 noch über 90€/MWh liegen. Bei einer global sinkenden Nachfrage kann jedoch das Preisniveau von 2018 auch ohne russisches Gas bis 2030 wieder erreicht werden.
30 Kilometer lange Gasleitung
Gerade auch Deutschland bereitet sich bereits auf den Bezug von LNG ein. So wird das erste Anlandeterminal für LNG in Deutschland in Wilhelmshaven an der Seebrücke Umschlaganlage Voslapper Groden (UVG) entstehen. Uniper errichtet und betreibt das Terminal mit Unterstützung der Bundesregierung. Ziel von Uniper ist die Unabhängigkeit von einzelnen Energiebezugsquellen und eine nachhaltig Energiezukunft. „Uniper trägt so schnellstmöglich einen erheblichen Beitrag zur zukünftigen Diversifizierung der Energieimporte der Bundesrepublik Deutschland bei“, erklärt das Unternehmen. Perspektivisch werden in Wilhelmshaven grüne Rohstoffe importiert.
In einem zweiten Projektschritt soll parallel zur bestehenden UVG- eine dauerhafte und erweiterte Hafenlösung für die FSRU realisiert werden. Hierbei ist geplant, zusätzliche Entlade- und Umschlagsmöglichkeiten für grüne Gase, zum Beispiel Ammoniak, zu schaffen, um das gesamte Potenzial dieses neuen Infrastrukturprojekts in Wilhelmshaven („Green Wilhelmshaven“) nutzen zu können. Für die Anbindung an das bestehende Erdgasfernleitnetz ist eine rund 30 Kilometer lange Gasleitung erforderlich, deren Realisierung bereits begonnen hat.
Hohe Anforderungen an Armaturen
Komponentenanbieter wie Armaturenhersteller und Anlagenanbieter dürfen immer vollere Auftragsbücher erwarten – sowohl für den LNG-Transport als auch für den Aufbau einer LNG-Infrastruktur. Die Produkte reichen von der Reinigung des Erdgases über Speichertanks und Verdampfungsanlagen für Hafenanlagen und Schiffe bis hin zur regionalen Verteilung und Kundenanwendungen.
Den aufstrebenden LNG-Sektor haben bereits einige Unternehmen im Fokus – und er gewinnt an Bedeutung. Allerdings müssen Armaturen bei Flüssiggas, um den Unternehmen Erfolg zu bescheren, hohe Anforderungen erfüllen. Transportfahrzeuge für tiefkalt verflüssigtes Erdgas sind durch häufiges Befüllen, Transport und Entladung am Zielort größten Belastungen ausgesetzt. Außerdem sind bei der LNG-Lagerung Betriebsdauer und Arbeitsleistung sowie Sicherheit und Zuverlässigkeit zentral. Für die Betankung mit LNG werden ebenfalls leistungsfähige Armaturen benötigt.
Die kommerziellen Aussichten sind für die Armaturenbranche also gut. Und dass sie die hohen Anforderungen bereits erfüllt – daran gibt es keinen Zweifel.

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