Virtuelle Welten bieten ganz reale Chancen

Virtual Worlds könnten die Industrie auf ein neues Level führen. Einige Unternehmen haben sie bereits im Blick, wie die VDMA-Kurzumfrage „Metaverse“ zeigt: Fast die Hälfte (49 Prozent) der Befragten hat sich bereits mit der Thematik inhaltlich befasst. Und rund 85 Prozent der Unternehmen, die sich mit der Thematik bereits befasst haben, stufen die Positionierung des eigenen Unternehmens als „interessiert“ ein. Allerdings steckt das Industrial Metaverse noch in den Kinderschuhen, dürfe jetzt aber nicht schon gebremst werden, fordert der VDMA. Denn die Potenziale sind letztlich riesig.

Professor Claus Oetter, Geschäftsführer des Fachverbandes Software und Digitalisierung Leiter der Abteilung Informatik. © VDMA

„Es ist gut, dass sich die EU-Kommission dieses wichtigen Themas annimmt und es auf die europäische Ebene bringt“, erklärt Prof. Claus Oetter, Geschäftsführer des Fachverbandes Software und Digitalisierung sowie Leiter der Abteilung Informatik beim VDMA, zur Initiative der EU-Kommission zu „Virtuellen Welten“. Wichtig werde sein, auch die Nutzung des Metaverse in industriellen Anwendungen in den Blick zu nehmen. „Der Maschinen- und Anlagenbau sieht im Industrial Metaverse riesiges Potenzial, um auf dem Weg zu einer klimaneutralen und ressourcenschonenden Wirtschaft weiter voranzukommen“, betont Oetter. In einem Industrial Metaverse als Abbild und Ergänzung der realen Wirtschaft könnten mit digitalen Zwillingen Wertschöpfungsketten optimiert werden und Menschen in virtuellen Räumen zusammenarbeiten, um neue Problemlösungen zu finden.

„Auf keinen Fall sollte der EU-Gesetzgeber Strategien zur Regulierung entwickeln“, fordert Oetter. Das Industrial Metaverse stecke noch in den Kinderschuhen und dürfe nicht jetzt schon gebremst werden. Zudem gebe es bereits heute für die industrielle Anwendung eine Vielzahl von Gesetzen, etwa im Bereich der Maschinensicherheit oder zukünftig durch den AI-Act sowie den Data Act, die allgemeingültig seien. „Vielmehr sollte die Weiterentwicklung des Industrial Metaverse ein Anlass sein, die aktuelle Gesetzgebung auf den Prüfstand zu stellen.“

Das Potenzial von Metaverse

Bei Metaverse handelt es sich um einen digitalen Raum, in dem virtuelle, erweiterte und physische Realität möglichst nahtlos miteinander verschmelzen. Somit können digitale Repräsentationen von Menschen („Avatare“) miteinander und mit digitalen Objekten in einem virtuellen Umfeld interagieren. Aber welche Möglichkeiten bieten sich den Industrieunternehmen?

Speziell für Prozesse, die lediglich physisch abbildbar und dadurch aufwendig und kostenintensiv sind, eignet sich laut VDMA das industrielle Metaverse bestens. Viele, industrielle, Anwendungsmöglichkeiten spielen sich somit in den Kategorien Kollaboration, Konstruktion und Schulung ab, da gerade die Technologie um Augmented und Virtual Reality als sehr sinnstiftend für die Industrie – in Bezug auf Trainings und Entwicklung bewertet wird. „Die genannte VR-Technologie ist gerade für die Fernunterstützung von Wartungsarbeiten, bei der Montage oder auch in der Kommissionierung prädestiniert. Weitere (mögliche) Szenarien sind zum Beispiel virtuelles Onboarding und Schulungen, räumliche Analyse von Arbeitsprozessen und virtuelle Produktpräsentationen“, so der Verband in einer Mitteilung.

Vor allem für Prozesse, die nur physisch abbildbar und dadurch aufwendig und kostenintensiv sind, eignet sich das industrielle Metaverse insbesondere. Foto: Pixabay

Umfrage: Unternehmen haben Metaverse bereits im Blick

Für die VDMA-Kurzumfrage „Metaverse“ wurden 108 Personen kontaktiert und explizit die 46 zurückgemeldeten Personen befragt, was einer Rücklaufquote von 42,59 Prozent entspricht. Davon gehörten 26 Prozent der Teilnehmenden der Geschäftsführung an. Die meisten der befragten Personen (42 Prozent) waren in einem Unternehmen tätig, das zwischen 1 und 250 Mitarbeitende nachweist. Und fast die Hälfte (49 Prozent) der Befragten stammten aus Maschinenbauunternehmen.

Über 90 Prozent können mit dem Begriff „Metaverse“ etwas anfangen bzw. teilweise sogar eine eigene Definition formulieren. Fast die Hälfte (49 Prozent) der befragten Unternehmen hat sich mit der Thematik inhaltlich befasst. Für knapp 30 Prozent ist es aktuell aber noch kein Thema. Rund 85 Prozent der Unternehmen, die sich mit der Thematik bereits befasst haben, stufen die Positionierung des eigenen Unternehmens als „interessiert“ ein. Die Unternehmen verbinden am stärksten (46 Prozent) die Bezeichnung „Verschmelzung der digitalen mit der physischen Welt“ mit dem Begriff „Metaverse“.

Die drei Technologien, die in Bezug zum „Metaverse“ am häufigsten genannt wurden, waren: Augmented Reality (AR) bzw. Virtual Reality (VR), Künstliche Intelligenz bzw. Machine Learning sowie Internet of Everything (IoE).

Die drei häufigsten Vorteile, die Unternehmen mit dem „Metaverse“ verbinden, sind laut VDMA-Umfrage: Neue Interaktionsmöglichkeiten (zum Beispiel mit Kunden und Lieferanten), Präsentation neuer Produkte und Dienstleistungen sowie die digitale Modellierung von Fertigungsprozessen und Produkten.

Das jeweilige Interesse der Unternehmen bezüglich „Metaverse“ könnte gesteigert werden „durch Use-Cases anderer Unternehmen und erfolgreiche Branchenbeispiele, Erfahrungsaustausch mit Unternehmen, aber auch durch die zielgerichtete Vernetzung mit entsprechenden Einrichtungen (die im Themenbereich aktiv sind)“.

Herausforderung und Chance

Bei den Herausforderungen mit Blick auf „Metaverse“, die das Unternehmen aktuell noch abschreckt, sind die Top3-Antworten: Fehlendes (eigenes) Know-how, praktischer Nutzen bislang nicht plausibel (fehlendes Verständnis) und die fehlenden zeitlichen und personellen Ressourcen.

Hinsichtlich der Investitionsbereitschaft ergibt sich laut VDMA-Umfrage folgendes Bild: „Fast die Hälfte (46 Prozent) hat bislang nicht investiert und plant zeitnah auch keine Investition, ergänzt wird diese Aussage durch ‚Keine Angabe‘ mit 28 Prozent, das heißt 10 Prozent planen erst noch zu investieren, einige andere haben bereits in der Vergangenheit Investitionen angestoßen (15 Prozent).“

Beim Ausblick ergibt sich ein sehr heterogenes Bild: Fast ein Drittel der Befragten sieht das „Metaverse“ als enorme Chance (31 Prozent), für 26 Prozent wird es Fluch und Segen zugleich sein.

Die restlichen 44 Prozent betrachten es einerseits als wirkliche Herausforderung (21 %) bzw. andererseits als Zukunftsmusik (23 Prozent).

Fazit und Ausblick

Die Umfrage zeigte, „dass wir uns noch in der Anfangsphase des Metaverse befinden. Speziell für Prozesse, die aufwendig und kostenintensiv sind und bisher ausschließlich physisch abbildbar waren, stellt das ‚Industrial Metaverse‘ eine geeignete Alternative dar“, erläutert der VDMA.

Eine weitere Erkenntnis war, dass die zugrundeliegenden Technologien (noch) nicht wirklich bereit für den Metaverse-Einsatz sind. Das gelte sowohl für die Hardware (zum Beispiel VR-Headsets) als auch für die Netzwerktechnologien hinsichtlich niedriger Latenzzeiten und verfügbarer Bandbreitenkapazität. Das heißt, es wird weitaus mehr Rechenleistung benötigt, um die Vision des Metaverse zu realisieren und die Herausforderungen der VR- und AR-Brillen zu lösen.

Vorteile, die Unternehmen mit dem „Metaverse“ verbinden, sind: neue Interaktionsmöglichkeiten, Präsentation neuer Produkte und Dienstleistungen sowie die digitale Modellierung von Fertigungsprozessen und Produkten. Foto: Pixabay

„Fakt ist, es wird zwar noch (einige) Jahre andauern, bis ein Metaverse etabliert ist, doch es lohnt sich, sich frühzeitig mit der Thematik auseinanderzusetzen, denn es wird hierbei ein fließender Übergang erwartet“, bilanziert der VDMA. „Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau sollten daher schon jetzt vorausschauend überlegen, welche Anwendungsszenarien im Metaverse für das eigene Geschäftsmodell und das gesamte Unternehmen sinnvoll erscheinen.“ Die Zukunft der Virtual Worlds hat also bereits angeklopft – sie könnte der Industrie einen weiteren großen Entwicklungsschub verleihen.

Michael betreut die Armaturen Welt als Redakteur. Als ausgebildeter Journalist beschäftigt er sich bereits seit vielen Jahren mit der Industrie und ihren Herausforderungen. Er weiß um die Themen, die die Armaturenbranche beschäftigt, und durchleuchtet sie in seinen Hintergrundberichten und Interviews.

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